Glaubt man den Beratern von A. T. Kearney, treibt die Digitalisierung die Automobilbranche an die Schwelle eines massiven Umbruchs. Im Klartext: Bis zum Jahr 2020 soll der Anteil über das Internet gekaufter Fahrzeuge erheblich ansteigen. Das bedeutet, der Wandel in Richtung digitaler Automobilvertrieb findet statt. Die fortschreitende Digitalisierung wird die Automobilbranche massiv verändern, der Autokauf online wird Realität.

Mich überrascht weniger das Ergebnis der Studie als solches. Denn dass die Digitalisierung voranschreitet, sollte jeder auch im eigenen Leben schon ausgemacht haben. Vielmehr beeindruckt mich die prognostizierte Zeitspanne, in welcher sich diese dramatische Umwälzung in Richtung Autokauf online vollziehen soll. Denn drei bis vier Jahre sind praktisch nichts. Vor allem, wenn man sich vergegenwärtigt, auf welchem digitalen Level sich die Breite der Automobilbranche bis heute bewegt.

Ich verzichte an dieser Stelle auf die Wiederholung der vielen Zahlen und Diagramme, die sich jeder auch in den Charts von A. T. Kearney selbst ansehen kann. Hier und heute setze mich mit der Zusammenfassung der Studienergebnisse und den möglichen Optionen für Vertragshändler und OEM auseinander.

Segmentierung des deutschen Pkw-Marktes

Der Pkw-Käufermarkt Deutschlands lässt sich statistisch in fünf unterschiedlich große, trennscharfe Segmente unterteilen:
(1) Digitale Nutzenorientierte (12%)
(2) Digitale Familien (23%)
(3) Pragmatischer Mainstream (26%)
(4) Analoge/Old School (18%)
(5) Involvierte Traditionalisten (21%).

Zuerst die schlechte Nachricht: Von den in der Studie Befragten 2.500 Personen sind die mit Abstand größte Gruppe die Nichtkäufer. Denn ganz gleich zu welcher Art von Käufertyp sich die Befragten rechnen, haben 69,6% in den kommenden drei Jahren keinerlei Kaufabsicht. Traurig, aber wohl wahr. Bei den Befragten mit Kaufabsicht wird es aber interessant. Wiederum bezogen auf die 2.500 Befragten gaben 17,1% an, den Fahrzeugkauf nach klassischer Art zu bevorzugen. Ganze 13,3% hingegen würden sich für einen Autokauf im Internet entscheiden.

Klingt erst einmal völlig undramatisch, wenn mit Prozentzahlen gerechnet wird. Doch wenden wir uns den absoluten Zahlen zu. Hochgerechnet auf einen konservativ geplanten, jährlichen Gesamtmarkt von knapp 6,3 Millionen Fahrzeugen (neu & gebraucht) geht A. T. Kearney davon aus, dass immerhin ein Online-Autokauf-Potenzial von gut 2,5 Millionen Einheiten p. a. besteht. Zur Erinnerung: Nicht erst in ferner Zukunft, sondern bereits ab jetzt bis 2020 – jährlich – zweikommafünf Millionen!

Soziodemografischer und technologischer Wandel

Durch den soziodemografischen und technologischen Wandel wachsen die beiden digitalen Segmente 1 und 2 in den nächsten Jahren deutlich an, während z. B. das klassische Segment „Analoge/Old Schoolers“ massiv schrumpfen wird. Da die jüngeren digitalen Segmente eher überproportional Gebrauchtwagenkäufer sind, wird der grundlegende Wandel das Neuwagengeschäft somit zeitverzögert, dann aber mit umso stärkerer Dynamik erfassen.

Auch wenn es in manchen Ohren so klingen mag, ist diese Aussage weit entfernt von Entwarnung. Denn in der Autobranche gelten nach wie vor millionenschwere Paläste aus Bau, Steinen und Erden als Währung der Zukunft. Hinterfragt man dagegen die Investitionen in die Digitalisierung des Autobusiness, sieht es in der Welt der Autohäuser ziemlich mau aus.

Zumeist proprietäre Dealer Management Systeme (DMS), deren Ursprünge bis in die 70er Jahre des verblichenen Jahrhunderts zurückreichen, sind eher die Regel als die Ausnahme. Kundenbeziehungsmanagement (CRM) wird von einer Minderheit der Autohäuser wirklich gelebt, geschweige denn prozessual und mit geeigneter Software unterstützt. Digitales Marketing beschränkt sich weitgehend auf das Vorhandensein einer Webseite und die Präsentation des Fahrzeugbestandes in Börsen. Professionelles Leadmanagement ist bei den meisten Autohändlern noch ein Fremdwort.

Immerhin scheint die Autobranche aber ihren Handlungsbedarf erkannt zu haben. Einer Umfrage der plus Marktforschung zufolge wissen die meisten Händler zum einen um digitale Herausforderungen. Zum anderen ist ihnen bewusst, dass und wo sie selbst aktiv werden müssen. Ein Lichtblick, der hoffen lässt, dass es in den kommenden Jahren tatsächlich Fortschritte in der Breite geben wird.

„DIE“ Customer Journey gibt es nicht

Die fünf Segmente unterscheiden sich signifikant hinsichtlich:
(1) ihrer soziodemografischen Zusammensetzung (z. B. Alter, Haushaltseinkommen),
(2) der Einstellungen zum Thema Mobilität (z. B. Pkw-Nutzung vs. Besitz),
(3) hinsichtlich der subjektiven Miteinbezogenheit beim Thema Autokauf (z. B. emotional vs. rational),
(4) ihrer Markentreue (z. B. loyal vs. flüchtig),
(5) der Nutzung von kaufbezogenen Informationsquellen (bspw. klassische Medien vs. Online) sowie
(6) dem Grad der Bereitschaft, das nächste Fahrzeug im Internet zu kaufen.

Letztendlich spricht diese Zusammenfassung für einen deutlichen Anstieg der Dynamik bei der Änderung des Kaufverhaltens. In vielen Webinaren habe ich wiederholt auf den Zero Moment of Truth (ZMOT) hingewiesen. Unter diesem Begriff hat Jim Lecinski von Google schon 2011 zusammengetragen, wie sich das Informations- und Kaufverhalten von Autokäufern verändert hat.

Die Vereinfachung in der Darstellung von ZMOT hat natürlich ihre Tücken. Wobei das 2011/12 absolut in Ordnung war. Inzwischen hat sich die Heterogenität der einzelnen Käufersegmente weiter entwickelt, was eine wiederum differenziertere Betrachtung ihres Kaufverhaltens erfordert. „Den“ Kaufprozess gibt es nicht (mehr), was bedeutet, dass diese Käufersegmente sehr individuell anzusprechen sind.

Es gibt noch immer viele (auch Autohändler), die sagen, „das haben wir schon immer so gemacht“. Dabei hat sich allein in den letzten vier Jahren soviel verändert. Vielfach spriessen automobile Start-ups aus dem Boden, um mit neuen Ideen einen Teil des digitalen Automarktes an sich zu reißen. Es sei hier an die Berliner Auto1 Group erinnert, die es in kurzer Zeit zu einer Milliarden-Bewertung gebracht hat.

Die Prognose in der hier betrachteten Autokäuferstudie sieht für die kommenden drei Jahre wiederum einen dramatischen Wandel auf die Branche zukommen. Doch ein Raunen, geschweige denn Erstaunen, der etablierten Anbieter vermag ich nicht auszumachen. Nach meinem Eindruck sind sich viele Marktteilnehmer, vor allem auf Handelsseite, der Dramatik der Situation nicht bewusst. Sie sehen zwar Handlungsbedarf, verkennen aber den Umstand, dass ihre Kunden in Sachen Digitalisierung schon viel weiter sind, als sie selbst.

Konzentration auf die Zielgruppe mit dem größten Einkommen, statt dem größten Wachstum

Die beiden digitalen Segmente 1 und 2 sind vom Alter her die mit Abstand jüngsten Zielgruppen mit hohen Anteilen von unter 30- und unter 40-Jährigen, während am anderen Ende des Spektrums das Segment 4 „Analoge/Old School“ überproportional viele 50-70 und über 70-Jährige aufweist. Hinsichtlich des Haushalts-einkommens liegen die digitalen Segmente 1 und 2 nur geringfügig unter dem Niveau der Etablierten 3 und 5, lediglich das Senioren-Segment „Analoge/Old School“ weist auf Grund des hohen Anteils an Rentnern ein deutlich niedrigeres Haushalts-Einkommen auf.

OEM und Autohandel konzentrieren sich momentan stark auf die in der Studie genannten Segmente 3, 4 und 5. Das ist menschlich nur zu verständlich, auch und gerade vor dem Hintergrund des Durchschnittsalters deutscher Neuwagenkäufer und der Annahme, dass genau hier das Geld sitzt.

Im Marketing der OEM sind die Segmente 1 und 2 ja schon lange angekommen. Doch hat das weniger mit Ergebnissen der Marktforschung, als vielmehr mit Imagegründen zu tun. Jede Marke möchte jung, frisch und modern wirken – ganz gleich wer die Fahrzeuge wirklich kauft. So ist Werbung eben.

Nun ist Werbung das eine, die Realität das andere. Aus Sicht des Handels wäre es sicher sinnvoll, die Käufersegmente 1 und 2 gezielter anzusprechen. Mit Zeitungsanzeigen, nicht aktuellen Webseiten und halbtoten oder langweiligen Social Media Accounts wird das nicht zu machen sein. Auch das Grillfest für die Familie und der Aktionstag mit Hüpfburg werden nur begrenzt Zulauf seitens dieser Käufersegmente finden. Neue Ansätze sind also gefragt.

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Andere Einstellungen zum Thema Mobilität

Es wäre zu undifferenziert zu behaupten, dass es jungen digitalen Zielgruppen generell weniger wichtig ist, ein Auto zu besitzen als älteren – analog geprägten –, denn die beiden digitalen Segmente 1 und 2 unterschieden sich gerade darin signifikant. Was aber beide digitalen Gruppen unisono auszeichnet ist eine stärkere Orientierung an der Fahrzeug-Nutzung (gegenüber Besitz) und eine höhere Offenheit für Connected Cars und Connected Services.

Es wäre ja auch gelacht, wenn die nachwachsende Generation keinen Bock auf Trends und moderne Technologie hätte, oder? Insofern war diese Aussage zu erwarten. Wenn aber bei diesen Gruppen die Nutzung zulasten des Besitzes stärker in den Vordergrund rückt, bietet das doch bereits einen hervorragenden Ansatz, um sich als Autohaus eine Angebots- und Marketingstrategie zurechtzulegen. Dazu gehört zum eine Überprüfung der Bestandspolitik. Sinnvoll ist auch eine händlereigene Autovermietung, die auch carsharing-fähig ist. Bin ich als einzelnes Autohaus zu klein für so etwas, könnte ich mich mit anderen Händlern meiner Region verbünden.

Eine zweite Maßnahme könnte das verstärkte Herausstellen von Leasingangeboten sein, speziell für diese Zielgruppen und die für sie infrage kommenden Fahrzeuge.

Stellenwert des Autokaufs im Leben des Kunden

Subjektive Miteinbezogenheit beim Thema Autokauf: Gemeint ist, ob das Thema Autokauf einen sehr hohen Stellenwert hat und als wichtig eingeschätzt wird. Oder umgekehrt, ob ein Auto ohne große emotionale Beteiligung eher wie ein Gebrauchsgegenstand gesehen (und gekauft) wird, hängt nicht von der digitalen (oder analogen) Prägung der Zielgruppe ab. Denn Käufer mit Begeisterung gibt es unter Digitalen (Segment 2), wie Analogen (Segment 5) und umgekehrt – kühle Rechner ebenso unter Digitalen (Segment 1), wie Analogen (Segment 4). Als Muster aber zeigt sich: Je niedriger der Grad der emotionalen Beteiligung am Kaufprozess ist, desto mehr Stellenwert wird dem Thema Preis bzw. Bestpreis beigemessen.

Ein Thema, das den Händlern ja bereits heute und vor allem im Bereich Neuwagen unter den Nägeln brennt, ist der Preis. Für meine Begriffe zeigen die Studienergebnisse hier zwei Dinge: Zum einen gibt es Kunden, die man auch durch noch so viel Mehrwert-Angebot nicht zum begeisterten Autokäufer oder -fahrer machen kann. Für die ist das Auto nur notwendiges Eisen auf Rädern, um individuell von A nach B zu kommen. Die anderen Käufer aber sind emotional beeinflussbar.

Um jedoch einen höheren Preis verlangen zu können, muss ich als Händler auch etwas bieten, das der Kunde tatsächlich als Mehrwert spürt und erlebt. Dazu gehört ganz sicher nicht Austauschbarkeit, sondern vielmehr Differenzierung im positiven Sinne. Um mich von anderen abzuheben, sollte ich erstens wissen, was diese anderen ausmacht. Was bieten sie den Kunden? Was versprechen sie, was halten sie? Zum zweiten kann es nicht schaden zu wissen, was die Kunden eigentlich von mir erwarten.

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Differenzierung nach meiner Auffassung bedeutet, diese Erwartungen regelmäßig zu übertreffen. Deswegen halte ich auch nichts von Begriff der „Kundenzufriedenheit“. Denn was bedeutet „zufrieden“? Lediglich die Erfüllung meiner Erwartungshaltung! Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das heißt noch lange nicht, dass der Kunde auch wiederkommt und mich weiterempfiehlt. Um im (regionalen) Markt auf Dauer bestehen zu können, ist das aber Voraussetzung.

Dafür braucht es Emotionen. Zum einen durch tolle Produkte und deren Inszenierung. Viel wichtiger aber noch: Durch Mitarbeiter in den Autohäusern, die mit Freude und Leidenschaft für Menschen und Autos bereit sind, zu dienen und zu leisten. Und dafür wiederum braucht es entsprechende Führung. Die Amerikaner nennen es so schön „Leadership.

Hierzu empfehle ich Ihnen wärmstens den Podcast „Führung auf den Punkt gebracht“ von Geschäftsführercoach und Führungstrainer Bernd Geropp. Speziell in Episode 80 geht Bernd intensiv auf das Thema Leadership ein.

Markenloyalität wird zum raren Gut

Die jüngeren digitalen Segmente 1 und 2 zeigen eine geringere Bereitschaft, beim Kauf des nächsten Pkw ihrer alten Marke treu zu bleiben als die älteren, analog geprägten Käuferschichten. Es ist daher in Zukunft (siehe Verschiebung der Segmente in 2026) von einer deutlich geringeren Markentreue bzw. zunehmender Flüchtigkeit digitaler Käufergruppen auszugehen.

Diskutiert wird es ja schon länger und irgendwie fühlt man es auch. Mit der Loyalität der Kunden ist es oft nicht mehr weit her. Je jünger, desto sprunghafter, könnte man sagen. Die Neigung, hier mit Ideen und Kreativität gegenzusteuern, ist verständlich. Da werden dann „Kundenbindungsmaßnahmen“ erfunden, für Kunden, die sich nicht binden lassen wollen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der menschlichen Komponente ein höherer Stellenwert zukommen sollte, als technischen oder kaufmännischen Maßnahmen. Aber dazu hatte ich ja schon im Abschnitt „Stellenwert …“ etwas geschrieben.

Die Probefahrt ringt um ihre Eroberungswirkung

Noch ist die – reale – Besichtigung eines Fahrzeugs im Autohaus bzw. die Probefahrt als wichtigste Informationsquelle über alle Kaufsegmente hinweg „gesetzt“. Aber die Studie zeigt, dass auch diese Position bei den digitalen Zielgruppen schon allmählich an Boden verliert. Denn bereits jeder Dritte „Digitale Nutzenorientierte“ könnte sich schon heute vorstellen, sein nächstes Auto auch ohne reale Besichtigung und/oder Probefahrt zu kaufen. Noch deutlicher ist der Trend beim Thema „Fachkundige Beratung im Autohaus“ erkennbar: Je höher der Digitalisierungsgrad der Zielgruppe, umso verzichtbarer erscheint die persönliche Beratung – die durch intensive Nutzung von Online-Quellen ersetzt wird.

Ich denke, dieser Effekt wird eine gewisse Eigendynamik bekommen. Denn je mehr OEM und Autohandel gezwungen sind, hochwertige und gut aufbereitete Informationen online zur Verfügung zu stellen, desto mehr werden die dafür affinen Zielgruppen diese auch konsumieren. Wenn also der direkte Kontakt zwischen Käufer und Autohaus vermehrt nur noch der Unterschrift eines Kaufvertrages dient, schwinden die Beratungs- und Upselling-Möglichkeiten seitens der Verkäufer noch weiter. Und der Tag wird kommen, an dem die gesamte Kaufabwicklung ohne jeglichen persönlichen Kontakt vor Ort im Autohaus erfolgt.

Wer sich das nicht vorstellen kann, möge sich mit dem Geschäftsmodell von Carvana beschäftigen. Carvana vermarktet ausschließlich online, inkl. der kompletten Finanzierungsabwicklung. Für Erlebins und Emotionen ist die Carvana Vending Machine zuständig. Fast wie bei einer alten Musikbox wirft man für die Fahrzeugabholung eine Art Münze ein. Dann beginnt das Schauspiel á la Autostadt Wolfsburg: Das gekaufte Auto wird wie von Geisterhand aus einem Glasturm geholt und dem Kunden in seine Übergabebox gestellt.

Bereitschaft zum Direktkauf im Internet wächst

Mehr als ein Viertel aller Käufer kann sich vorstellen, bei einem guten Angebot/Preis den nächsten Pkw im Internet zu kaufen. Bei den jungen digitalen Zielgruppen liegt dieser Anteil bereits zwischen 64 und 74%. Mehr noch: Etwa ein Drittel der digitalen Autokäufer von morgen wünscht (!) sich heute schon, den kompletten (!) Kaufprozess – von der Modell-Auswahl bis zum Kaufvertrag – „sicher und bequem“ über das Internet abwickeln zu können.

Das bedeutet für ein Autohaus zuerst einmal, im Internet aufgefunden zu werden. Dafür braucht es moderne Webseiten, die mit aller Art von Endgeräten gut dargestellt werden (Stichwort Responsive Design). Diese Webseiten benötigen qualitativ gute und hochwertige Inhalte, die zu den Fragestellungen der jeweiligen Käufersegmente passen. Diese Inhalte müssen die Fragen beantworten, die sich potenzielle Käufer in den verschiedenen Stadien des Kaufprozesses stellen. Nur so ist gewährleistet, dass ein Händler von einer Suchmaschine organisch gefunden wird. Händler, die glauben, diese Inhalte müssten vom OEM geliefert werden, liegen falsch. Denn das würde bedeuten, dass alle Händler einer Marke mit den immer gleichen Inhalten vertreten sind. Sie erinnern sich aber bestimmt an den weiter oben schon genannten Punkt der positiven Differenzierung?! Die beginnt genau hier.

Weiterhin sind wirksame und individuelle Onlinemarketing-Kampagnen zu gestalten, auch diese unter dem Gesichtspunkt der Differenzierung. Über Basics, wie hervorragender Warenpräsentation mittels professioneller Fahrzeugbilder, verkaufsfördender Fahrzeugbeschreibung sowie vollständigen Fahrzeugdaten müssen wir immer noch diskutieren – ist aber bereits heute wichtig. Weiter geht’s mit Onlineshop-Funktionen inkl. einer sicheren Abwicklung von Kaufpreis-Zahlung, Online-Finanzierung und gegebenenfalls auch der Versicherung. All das ist wahrscheinlich nur der Anfang von Dingen, die mit Leben zu füllen sind. Einiges lässt sich heute noch gar nicht vorhersehen.

Das Berufsbild des Autoverkäufers ändert sich damit weiter. Verkäufer von morgen benötigen zusätzliche Eigenschaften. Sie werden sich selbst mehr und mehr als Marke inszenieren müssen, denn nicht nur das Autohaus, sondern auch der Verkäufer muss sich differenzieren. Sie benötigen hier und da Spezialisierung, bessere Online-Marketing und Social Media Kenntnisse und müssen bei diesem (einen?) Kundenbesuch vor Ort auf den Punkt kommen. Zusätzlich sind Kundenkontakte viel intensiver nachzuverfolgen. Das Mittel der Wahl dafür ist das Telefon, heute oft ein wunder Punkt in vielen Autohäusern.

Beispiel USA: In vielen Händlerbetrieben gibt es ein sogenanntes Business Development Center (BDC). Das dortige Team hat die Aufgabe, alle eingehenden Leads zu qualifizieren und jene mit realer Verkaufschance an einen Verkäufer weiterzuleiten. Doch im Nachgang gibt es eine Trennung zwischen klassischen Autoverkäufern und Internetverkäufern. Alle vom BDC weitergeleiteten Leads gehen ausschließlich zu den Internetverkäufern, nicht aber zu den klassischen Autoverkäufern. Fragt man, warum das so ist, bekommt man unisono die Antwort: Klassische Autoverkäufer sind es eher gewohnt zu reagieren, haben nicht die benötigten Telefon-Skills und verfolgen Leads nicht konsequent genug. Für Internetverkäufer hingegen ist es normaler Alltag, zu agieren. Also aktiv und systematisch hinterher zu telefonieren, Leads „bis zum Ende“ zu verfolgen und mit dem CRM-System zu arbeiten.

Mein Fazit zur Digitalisierung der Automobilbranche

Der digitale Autovertrieb grenzt an eine Revolution, die sowohl die OEM als auch die Autohäuser vor enorme Herausforderungen stellt. Denn es bedeutet, dass der gesamte Kaufprozess inkl. Marketing, Abwicklung von Kauf, Finanzierung, Leasing, Versicherung für mehr und mehr Kunden über das Internet erfolgt.

Zweifelsohne wird es auf absehbare Zeit auch genügend Kunden geben, die den Kauf auf klassische Art bevorzugen. Genauso zieht der Multichannel-Vertrieb in die Branche ein, was bedeutet, dass manche Kunden online recherchieren, vor Ort eine Probefahrt machen und dann wiederum online kaufen.

OEM und Vertragshändler stehen vor der Aufgabe, das Onlinekauf-Erlebnis zu ermöglichen, zu gestalten und sicherzustellen. Ist das bis 2020 realistisch? Ich meine, nein. Dafür braucht es ja nicht nur Technologie (was die kleinere Herausforderung ist), sondern auch Menschen mit den passenden Skills und dem richtigen Mindset (und schon fallen zweimal fünf Euro in das Anglizismen-Phrasen-Schwein ;-)).

Wie es um den aktuellen Status der digitalen Transformation in der Automobilindustrie bestellt ist, beleuchtet Volker Liedtke bei Blogomotive sehr anschaulich. Kurz gesagt: Es ist noch Luft nach oben. Und wer sich den Artikel aufmerksam durchliest wird feststellen, dass nicht nur der Mittelstand (=Autohäuser), sondern auch die Industriekonzerne (=OEM) noch riesige Schritte nach vorn machen müssen.

Ein weiteres, sehr interessantes Webfundstück ist das Interview mit dem Risikoinvestor Albert Wenger in Brandeins. Man möge sich vor Augen führen, welche dramatischen Auswirkungen die Digitalisierung auf uns alle haben wird.

Diskussionen über Beratungsdiebstahl, Unmutsbekundungen gegenüber den bösen Kunden, die nur alles billiger haben wollen, das Zurücksehnen nach den guten alten Zeiten – all das ist menschlich nachvollziehbar. Doch es hilft nichts: Die Zeiten sind wie sie sind und die Kunden ebenfalls. Das muss niemandem gefallen, aber wenn wir auch morgen noch erfolgreich im Autobusiness mitmischen wollen, haben wir damit adäquat umzugehen.

Alle Betroffenen sollten sich daher schon heute aktiv damit auseinandersetzen, ob das, was da auf uns zukommt, noch ihre Welt ist, ob sie das mitgestalten wollen und können.

Wer meint, dass das Dasein als Autohaus-Unternehmer nicht mehr zielführend ist, sollte besser jetzt als später eine folgerichtige Entscheidung treffen.

Wer sagt, die Tätigkeit als Autoverkäufer ist zu nervtötend und bringt kaum noch etwas ein, sollte sich jetzt neu orientieren.

Wen es als Serviceberater stört, dass sich Kunden mit Fragen und Problemen nach Feierabend an ihn über Facebook & Co. wenden, sollte seine Einstellung überprüfen.

Wer als Autohändler nach wie vor Millionen in den Neubau einer immer weniger von Kunden genutzten Immobilie investiert, aber für die wirklichen Herausforderungen der Zukunft nur vier- oder fünfstellige Beträge bereitstellt, darf sich über die Folgen nicht wundern.

Wer schreibt hier? Derek Finke ist ein Digital Car Guy. Nach beruflichen Stationen in Autohaus, Autovermietung, Händlerverband und Unternehmensberatung ist er heute als Strategie- und Marketingberater für Selbständige und KMU tätig. Derek arbeitet nach dem Motto: Menschen machen gern Geschäft mit Menschen, die sie mögen und denen sie vertrauen!

Photo source: Elenarts / clipdealer