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Die IAA 2017 ist schon etwas länger vorbei. Ich habe mir drei Monate Zeit für die Kritik gelassen, um die angeblich wichtigste Automesse der Welt auf mich wirken zu lassen.

Je mehr ich darüber nachdenke und versuche, das Gesehene und Erlebte einzuordnen, desto größer ist meine Enttäusachung über diese IAA 2017. Mehr gestern und heute war niemals. Dem Motto „Zukunft erleben“ sind die allermeisten Aussteller dagegen nur selten gerecht geworden.

Daimler hat die Zeichen der Zeit verstanden

Ich möchte keinem OEM absprechen, die Herausforderungen der Zukunft nicht im Blick zu haben. Aber der aus meiner Sicht einzige Hersteller, der nicht nur verbal, sondern sicht- und erlebbar konsequent und offensiv in Richtung Zukunft arbeitet, ist Daimler.

Messestand, Exponate, Mitarbeiter, Stimmung, Events (me Convention) – all das vermittelte mir den Eindruck, dass Daimler die Zeichen der Zeit verstanden hat und auf dem Weg in eine Zukunft als Mobilitätsdienstleister ist. Hier geht es längst nicht mehr um das ob, sondern ganz praktisch um das wie.

Smart-Chefin Annette Winkler trug auf der Bühne mit spürbarer Leidenschaft ihre Visionen und Vorhaben für die Marke Smart vor – ein klares Bekenntnis zu E-Mobilität, autonomem Fahren und Sharing is Caring.

Als viel zu spät und viel zu mutlos betrachtet dagegen Ralf Schwartz in seinem Blogpost „Smart-Chefin Winkler: Unsere Vision? Das Leben der Menschen in der Stadt verbessern. Hm … da geht noch was! :)“ die Lage bei Smart. Ich sehe das anders, wenngleich Ralf mit seiner Kritik an der richtigen Stelle ansetzt.


Annette Winker mit Leidenschaft auf der Bühne

Sascha Pallenberg, seit Anfang 2017 Head of Digital Content, schenkte mir eine Stunde seiner kostbaren Zeit. Er vermittelte mir mit viel Hingabe, auf welchem Weg sich der Konzern befindet und mit welcher Authentizität die Leute unterwegs sind. Allein dass so ein Typ wie Sascha heute in so einer Position in einem solchen Konzern tätig ist, wäre vor drei oder vier Jahren wohl noch ein Unding gewesen.

Denke ich gut viereinhalb Jahre zurück, als ich unter dem Titel „Das Beste oder nichts“ über die für meinen Geschmack bestehenden Defizite der Marke Mercedes-Benz schrieb, war das eine ganz andere Situation. Vor diesem Hintergrund ziehe ich meinen Hut vor dem Daimler-Team. Dabei ist mir bewusst, dass auch in Stuttgart nicht alles Gold ist, was glänzt.

IAA 2017 & New Mobility World – are you serious?

Mit großem Interesse wollte ich auf der IAA 2017 erleben, was sich die Branche und auch branchenfremde Anbieter unter neuer Mobilität vorstellen.

Meine Überraschung war so groß wie meine Enttäuschung: In Halle 3.1, eine Etage über dem Volkswagen Konzern, fanden sich viele kleine Stände. Darunter neben vielen (mir) unbekannten Namen auch einige Schwergewichte der digitalen Welt: IBM, SAP, Deutsche Telekom, Facebook, Qualcomm. Ok, auch eine große Bühne mit Veranstaltungsprogramm war dabei. Aber die Atmosphäre da oben vermittelte mir den Eindruck von Nebensächlichkeit – ganz sicher aber keine Aufbruchstimmung!

Beispiel Volkswagen mit seiner New Mobilty Tochter Moia: Zwei Leute mit Macbooks am Stehtisch vor einer Stellwand von 2×3 Metern – Entschuldigung Ole Harms (CEO), aber das hat mich eher an eine Verbandstagung erinnert. Keine Show, kein Event-Charakter, kein Bling-bling, wie eine Etage tiefer. Die jungen Betreuer am Stand waren nett und haben mir die (noch sehr theoretische) Moia-Welt erklärt. Aber hey – wir reden hier von IAA, DER Leitmesse der Industrie.

Facebook hatte sogar einen Messestand eingerichtet, doch bis auf ein Anwendungsbeispiel der Oculus Rift VR-Brillen bei Audi Händlern nicht wirklich etwas zu bieten. Da scheint bei Facebook in Sachen Automotive und Future Mobility nicht viel los zu sein.

Die Telekom hat den Leuten eine App nahebringen wollen, die andere wohl auch schon haben. Und so weiter und so fort.

Lieber VDA, so wird das nix. Wer inzwischen mit Formaten wie der SXSW in Austin oder der CES in Las Vegas um Aufmerksamkeit und Deutungshoheit buhlen muss, wer Aussteller verliert und mehr als 110.000 Besucher obendrein – der sollte sich etwas mehr einfallen lassen als den üblichen Standard plus Feigenblatt. Und schon gar nicht von „schwierigem Umfeld“ sprechen. Das sind Ausreden von Schlipsträgern.


Den kleinen Honda hier fand ich ausgesprochen knuffig.

Neue Ideen braucht die IAA

Warum z. B. wurde die New Mobility World nicht mitten ins Geschehen integriert? Zentral in einer Halle, in der sonst auch Hersteller zu finden sind! Oder thematisch aufgeteilt auf die anderen Messehallen, sodass in jeder Ausstellungshalle ein bestimmtes Thema der Future Mobility behandelt werden könnte? Warum wurde á la CeBit Hannover nicht der autonom fahrende Stadtbus vorgestellt? Hallen genug waren doch frei. Oder ebenfalls á la CeBit: Wo waren die Bühnen, auf denen die gesetzten Player mit Bloggern, Gründern, Querdenkern etc. Debatten geführt haben?

Die „Nach-Wissmann“-Garde sollte das besser machen

Matthias Wissmann, dem in 2018 scheidenden VDA-Präsidenten, mag das egal sein. Doch die Branche sollte sich bewusst machen, dass eine IAA die einzigartige Chance bietet, ihr Image insgesamt zu beeinflussen. Insofern sind die Verbandsspitze wie auch die einzelnen Mitglieder hier gefordert, umzudenken und neue Wege zu gehen.


Ein bisschen Spaß muss sein …

Wer schreibt hier? Derek Finke ist The Digital CarGuy. Nach beruflichen Stationen in Autohaus, Autovermietung, Händlerverband und Unternehmensberatung ist er heute als Strategie- und Marketingberater für Autohäuser, automobile Start-ups und Motorradhändler tätig. Derek arbeitet nach dem Motto: Menschen machen gern Geschäft mit Menschen, die sie mögen und denen sie vertrauen!

Photo source: By MB-one (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons