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Die Daimler AG hat sich im Rahmen einer Kapitalerhöhung an der Vermittlungsbörse für Mitfahrgelegenheiten Carpooling.com GmbH beteiligt. In der Technologie- und Wirtschaftspresse ist von einem Investment in Höhe von gut 8 Millionen Euro die Rede.

Ohne die Inhalte der Strategie Daimler’s wirklich zu kennen, fällt doch auf, dass der Konzern sich wieder seiner klassischen Werte besinnt. Und das heisst: Automobil und Innovation. Daimler trennt sich mehr und mehr von über die Jahre und Jahrzehnte zukauftem Geschäft, das nichts mit dem Kernprodukt Auto zu tun hat. Bis zum Jahresende wird noch das Abenteuer Flugzeuge, Weltraum und Waffen in Form der EADS-Beteiligung abgestoßen. Damit dürfte dann der letzte große Brocken an Altlasten entfernt sein.

Aber die Stuttgarter schauen auch schon seit längerem nach vorn. Das Car-Sharing-Projekt Car2Go begann ganz vorsichtig mit zwei Piloten in Ulm und Austin (Texas). Inzwischen kommen immer mehr Städte und Regionen dazu, auch hat man sich mit Europcar einen in Sachen Kurzzeitmiete erfahrenen Partner an Bord geholt. Hier würde mich übringesn nicht wundern, wenn auch Europcar eines Tages in das Daimler-Reich eingemeindet wird, schließlich steht dahinter ein Finanzinvestor.
Erste Erfahrungen im Bereich der Mitfahrzentralen sammelte man in Ulm und im Raum Aachen, damals noch unter dem Titel Car2Gether. Während man in Ulm gemeinsame Sache mit Car2Go machte, probte man im Aachener Raum die Zusammenarbeit mit dem Aachener Verkehrsverbund.
Die Erfahrungen aus all diesen Projekten führten zu einem weiteren Pilotprojekt in Stuttgart. Dort kooperiert Daimler unter dem Namen moovel zusammen mit der Landeshauptstadt, den Öffentlichen Verkehrsbetrieben sowie der Mitfahrzentrale Mitfahrgelegenheit.de. Und hinter Letzterer steht niemand anderes als die Carpooling.com GmbH, so schließt sich der Kreis.
Darüber hinaus ist Daimler schon seit vielen Jahren im Lkw- und Transporter-Bereich in der Vermietung aktiv, hier unter dem Namen Charterway. In der Logistikbranche ist das ein bekannter und eingeführter Name.

Man kann hinter Daimlers Plänen also durchaus Strategie vermuten. Denn auch andere Hersteller sind in diesen Feldern unterwegs (siehe auch mein Blogpost vom 20.04.2012). Momentan versuchen diese Hersteller, alle sich ihnen bietenden Felder neuer oder alternativer Mobilität zu prüfen, um im Falle des Erfolgs gleich an der Startlinie zu stehen. Letzten Endes ist und bleibt das Kerngeschäft von Daimler aber die Produktion von Autos. Somit geht es hierbei nur darum, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um produzierte oder produzierbare Ware in möglichst großer Zahl im Markt abzusetzen.
Über die Beteiligung an Systemen wie carpooling.com sichert sich Daimler nicht nur den Zugang zu wertvollen Statistiken, wie z. B. Bewegungsprofilen, sondern auch den Einfluss darauf, mit wem dieses Systeme kooperieren (z. B. Car2Go). Darüber hinaus erhält der Konzern Einblick in das Know-how und die Möglichkeit, bei einem künftigen Verkauf absehbare Wertsteigerungen zu realiseren. Das hat dann schon etwas von einem Business Angel.
Und einen weiteren positiven Effekt hat das Ganze noch: Es wird dem Image nur zuträglich sein, wenn die alte Marke Daimler mit solch hippen und zukunftsgewandten Projekten etwas Verjüngung erfährt. Das passt im Übrigen auch zum Start der neuen und auf jüngere Käufer ausgerichteten A-Klasse (wenn es vielleicht auch Zufall sein mag). Immerhin hat Carpooling.com derzeit ca. 4 Mio. registrierte Nutzer und der Dienst generiert pro Monat in 40 europäischen Ländern etwa 1 Mio. Mitfahrten. Das sind zumeist junge Leute, die dann irgendwann einmal zu potentiellen Käufern werden können.

Daimler bringt sich damit zweifelsohne in eine komfortable Situation, vor allem gegenüber seinen Wettbewerbern. Und dafür sind 8 Mio. Euro sicher gut angelegtes Geld. Herzlichen Glückwunsch Herr Zetsche!

Im Übrigen könnte ich mir sogar vorstellen, dass diese Kooperation mittelfristig auch noch andere Nebeneffekte hat. Die Gründer von Carpooling.com standen allesamt mal in Diensten von Yahoo. Vorausgesetzt, das Verhälnis zum früheren Arbeitgeber stimmt noch, könnte ich mir auch eine Zusammenarbeit der beiden Firmen vorstellen. Zumal einerseits Yahoo gerade eine neue Chefin hat, die unter großem Handlungsdruck steht. Und andererseits hat Carpooling bekanntgegeben, dass das Geld von Daimler u. a. auch zur Expansion in die USA benutzt werden soll. Na dann, gute Geschäfte!

Zum Thema aktueller Mobilitätskonzepte schrieb auch Guido Lange in seinem Blog.